Kampf ums Land – Schweizer Siedler in Chile

      Kampf ums Land – Schweizer Siedler in Chile

      In der Nacht vom 4. Januar 2013 dringen Mapuche Indianer in die Farm des Schweizer Ehepaars Luchsinger-Mackay ein. Es folgt ein Schusswechsel, das Haus brennt, das Ehepaar kommt in den Flammen um. Der Landstreit zwischen europäischen Siedlern und der indigenen Bevölkerung von Chile ist am Tiefpunkt angelangt.

      Kaum ein Tag vergeht in der chilenischen Provinz Araukanien, ohne dass ein Anschlag verübt wird: abgebrannte Felder, zerstörte Traktoren und Erntemaschinen sowie Angriffe auf die Forstwirtschaft und immer wieder angezündete Farmen. Die Provinz im südlichen Teil Chiles kommt nicht zur Ruhe. Im Gegenteil, die Gewalt nimmt eher zu als ab. Dieser Kleinkrieg findet weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit statt.

      Jorge Andrés Luchsinger, der Sohn des ermordeten Ehepaars, ist Farmer. Rund um die Uhr lebt er unter Polizeischutz. Der Schweizer ist überzeugt, dass die Täter aus der Nachbarschaft stammen. Die Luchsingers führen mit den benachbarten Mapuchegemeinden seit Jahrzehnten einen Streit um Wasserrechte und Land. Im Zentrum steht die Familie Tralcal. Zwei Mitglieder der Grossfamilie, José und Luis Tralcal, wurden 2018 wegen Mordes schuldig gesprochen. Doch so eindeutig wie die Sache scheint, ist sie nicht. Der Streit ist Teil des Emanzipationskampfs der Mapuche.

      Die Luchsingers kamen 1883 ins Land. Ursprünglich stammt die Familie aus Engi im Kanton Glarus. Der chilenische Staat lockte sie in die neue Welt, schenkte ihnen die Überfahrt – 40 Hektaren Land – und gewährte ihnen Kredite, um eine neue Existenz aufzubauen. 22'000 Schweizer kamen damals und mit ihnen Deutsche, Italiener und Engländer. Sie entflohen der Armut in der Hoffnung auf ein Leben in Wohlstand. Vielen gelang dieses Vorhaben. Sie wurden stolze Grundbesitzer.

      So auch die Luchsingers. Doch der Staat verteilte grosszügig Land, das ihm eigentlich nicht gehörte. Die junge Nation hatte die südlichen Gebiete des heutigen Chiles erst Mitte des 19. Jahrhunderts erobert. «Pacification» (Deutsch: Befriedung) nennt es die offizielle Geschichtsschreibung noch heute. Es war nichts anderes als die gnadenlose Unterwerfung der indigenen Bevölkerung.

      Jahrhunderte lang hatte sich die Mapuche erfolgreich gegen fremde Herrscher gewehrt, zuerst gegen die Inka, später gegen die spanischen Konquistadoren. Der chilenische Staat nahm den Halbnomaden 90 Prozent ihres Territoriums und pferchte sie in Reservate. Mit dem Land gingen ihre Kultur und Lebensweise verloren. Den Siedlern dienten sie als billige Arbeitskräfte auf dem Feld und im Haus.

      Heute bricht das historische Unrecht wieder auf. Die Mapuche besinnen sich auf ihre Kultur und ihren Stolz. Es brodelt. Wem gehört das Land. Die Schweizer Siedler haben es urbar gemacht und beuten es aus. Die Mapuche wollen es schützen, nutzen es gemeinschaftlich und teilen es mit Göttern und Tieren. Gibt es eine Lösung für diesen Konflikt?

      «DOK»-Filmer Tilman Lingner begab sich auf Spurensuche nach dem Mord am Ehepaar Luchsinger.



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