Ausflug 1953 nach Constanza

      Ausflug 1953 nach Constanza

      Ein
      verlängertes Weihnachts- Wochenende 1953 in Constanza.



      Constanza
      liegt – Nichteingeweihten sei es hiermit erklärt – nicht nur in
      der Dominikanischen Republik und damit in den Tropen, sondern auch in
      einem wunderschönen Hochtal auf über 1.200 m in der Cordillera
      Central - sozusagen in den 'Karibischen Alpen' mit entsprechend
      angenehmen Klima. Höchste Erhebung ist der Pico Duarte (seinerzeit
      Pico Trujillo ) mit 3.175 m. Ein sehr attraktives Reiseziel auch
      schon 1953. Mit dem Auto wegen der miserablen Straßen nur unter
      erschwerten Bedingungen und sehr hohem Zeitaufwand zu erreichen –
      wenn überhaupt. Für Insider: An dem schwierigen Straßenabschnitt
      zwischen San Jose de Ocoa und Valle Nuevo gingen die Bauarbeiten nur
      schleppend voran.


      So
      kamen wir auf die glorreiche Idee zu fliegen. Für diesbezüglich
      zuständige Dominikaner zunächst mal überhaupt kein Problem.Wir
      konnten nicht wissen, dass Constanza keinen regulären Flugplatz
      besaß. Wie sich hinterher herausstellte, lediglich eine holprige
      Graspiste, eine windschiefe Bretterbude und einen ausgefransten
      Windsack. Mit der Compania Dominicana de Aviacion (CDA) wurden wir
      uns einig, von Santo Domingo (damals Ciudad Trujillo) mit einem
      Kleinflugzeug nach Constanza geflogen zu werden. Gut, wir kannten die
      dominikanische Mentalität. Doch die lässt sich immer noch
      übertreffen!



      Pünktlich,
      wie 4 Deutsche und ein Österreicher nun mal sind, erwarteten wir am
      Freitagmorgen, 25.12.1953 am Flughafen den Start – nein, dass wir
      unseren Flieger zu Gesicht bekommen. Für Insider: Der Flughafen lag
      damals mitten im heutigen Stadtgebiet nördlich der Avenida Bolivar
      (jetzt u.a. Centro Olimpico). Also, wir wurden immer wieder auf die
      für Dominikaner typische Art vertröstet, uns noch un momentito zu
      gedulden. Wir waren alle Mitarbeiter der Armeria in San Cristobal;
      ein deutscher Ingenieur (erster deutscher Besitzer eines
      pannenanfälligen Motorbootes) mit seiner 17-jährigen Tochter (auf
      Langzeitbesuch), ein junger Deutscher, dessen Motorenkenntnisse waren
      bei Bootfahrten häufig unerlässlich, weiterhin ein österreichischer
      Ingenieur in besten Jahren, der sich offensichtlich sehr um das Wohl
      der 17-jährigen bemühte und schließlich ich, der Praktikant in der
      Armeria. Jeder hatte das ihm wichtig erscheinende Reiseutensil dabei.
      Ludwig, der deutsche Ingenieur, seine Geige, Ursula, ihren Liebreiz,
      Hans, der Praktiker, sein Akkordeon, Friedrich, der Galan, seinen
      österreichischen Charme und ich den Wintermantel meines Vaters.


      Dann
      geschah das Unerwartete. In eine DC3 (Dacota) nach Santiago sollten
      wir umgehend einsteigen. Hauptsache weg! Mit unseren 7 Sachen kamen
      wir wegen des bereits voll gestellten Ganges kaum an noch freie
      Sitzplätze. Dabei erklärte uns eine nette Flugbegleiterin, dass
      unseretwegen eine Zwischenlandung in Constanza erfolge. Oh,oh! Und
      schon geht es los, ehe wir sitzen. Es ist mein erster Flug.


      Die
      Berge sind nebelverhangen. Wir kreisen über Constanza. Scheinbar
      muss der Pilot sich erst mal orientieren. Aber schon setzt das
      Flugzeug rumpelnd auf der Graspiste auf. Erleichterung. Während der
      Flieger sofort wendet und zum Start ansetzt, tauchen wie aus dem
      Nichts zahlreiche Muchachos mit einem Handkarren auf. Mit
      dominikanischer Fröhlichkeit kommt unser Gepäck gegen ein
      fürstliches Trinkgeld zum Hotel. Wie die meisten anderen Gebäude
      ein Holzbau mit umlaufender Veranda. An den Namen des Hotels kann ich
      mich nicht erinnern – wahrscheinlich aber das 'Benefactor'!


      Schnell
      hat es sich im Ort herumgesprochen, dass Gringos mit
      Musikinstrumenten gelandet seien. So ließ der alcalde, Don
      Grateraux, es sich mit seiner hübschen Tochter Elsa nicht nehmen,
      uns willkommen zu heißen und uns seine Freundschaft und
      Unterstützung anzubieten. Er konnte uns dann gleich bei der
      Beschaffung von Pferden für den nächsten Tag behilflich sein. Elsa
      habe Zeit und könne als Führerin fungieren. Für den Samstagabend
      lud er uns obendrein in unserem Hotel noch zu einem gemütlichen
      Beisammensein ein. Am Sonntag sei eine Kundgebung zu Ehren Trujillos
      angesagt, zu der wir natürlich auch kommen müssten. Also, genug
      Programm!


      Mittlerweile
      hat sich nach einer kräftigenden Mittagsmahlzeit der Nebel
      gelichtet. Nachmittags erkundeten wir bei einem Probeausritt die
      näheren Umgebung, den wir wegen des in den Tropen jähen Überganges
      vom Tag auf die Nacht gegen 18.00 Uhr beenden mussten.


      Die
      Nacht war frisch. Mein Wintermantel leistete mir als zusätzliche
      Zudecke sehr gute Dienste. Schon am Vormittag am Flugfeld in
      Constanza hatte er sich gut bewährt. Die anderen froren!


      Pünktlich
      konnten wir am Morgen unsere Pferde abholen. Elsa war auch da. Na,
      bitte, es geht doch. Auch bei Dominikanern. Dominikanische Pferde
      habe ich als sehr lammfromm kennengelernt. Viel Ahnung von Reiten
      hatte niemand von uns. Ich hatte einen besonders faulen Gaul
      erwischt. Entweder wollte oder konnte er mich nicht verstehen. Er
      lief aber dann doch den anderen hinterher. Auf dem Weg nach Valle
      Nuevo, stets mit Blick auf den Pico Trjillo, kamen wir am Rohbau des
      Hotels 'Nueva Suiza' vorbei. Die unberührte Landschaft ohne Palmen
      erinnerte wahrlich an unsere deutsche Bergwelt. Wir hatten reichlich
      Marschverpflegung, denn Einkehrmöglichkeiten gab es keine. Mit
      unseren müden Gäulen sind wir auch nicht bis Valle Nuevo gelangt.
      Meinen Wintermantel hatte ich nicht mit; die Sonne wärmte tagsüber
      erwartungsgemäß sehr angenehm.


      Einen
      Bolzen leistete sich mein Gaul bei unserer Heimkehr in Constanza dann
      doch noch. Ehe ich mich versah, steuerte er zielbewusst durch eine
      der offenstehenden Türen in einen Colmado, dass ich den Kopf
      einziehen musste, und an der anderen Ecke trabte er wieder heraus.
      Ich war nicht der einzige Verdutzte; hatte aber die Lacher auf meiner
      Seite und die Anerkennung aller.


      Obwohl
      von den Strapazen geschafft, fanden wir uns am Abend in einem großen
      Raum des Hotels inmitten feiernder Dominikaner wieder. Alcalde Don
      Grateraux hatte einen extra Tisch für sich, seine Familie und uns
      reserviert. Als der von unserer Gruppe etwas besser spanisch
      Sprechende hatte ich die Ehre, neben ihm sitzen zu dürfen. Alle
      haben sich in Schale geworfen. Unser Galan sogar in ein weißes,
      langärmliges Hemd mit Krawatte. Es wurde ein lebhafter Abend mit
      angeregter Unterhaltung, gelebter dominikanisch –
      deutsch/österreichischer Völkerfreundschaft, sowie viel Musik und
      Tanz.


      Der
      Sonntag wartete von Anbeginn mit schönstem Wetter auf. Nach dem
      reichhaltigen Hotelfrühstück genossen wir bei einem Fußmarsch am
      Berghang oberhalb der Stadt die prachtvolle Landschaft. Bei der
      politischen Versammlung im Ort wurden Reden geschwungen. Rechtzeitig
      vor Ertönen der Nationalhymne waren wir auch Teilnehmer der
      Kundgebung und wurden anerkennend willkommen geheißen. Das drückte
      sich aus durch kräftiges Schulterklopfen und die Aufforderung, einen
      kräftigen Schluck aus der kreisenden Rumflasche zu nehmen. Dadurch
      in noch besserer Stimmung, animierte uns der alcalde zum Besuch der
      Hahnenkampfarena. Ich gestehe, es war mein erster Besuch eines
      Hahnenkampfes.


      Der
      Rückflug war für 14.00 Uhr vereinbart. Wir waren gespannt, ob und
      wie es wohl klappen wird. Während wir uns das Mittagessen im Hotel
      noch schmecken ließen, hörten wir Motorengebrumm. Bald darauf
      meldete sich der Pilot - über eine Stunde zu früh. Kaum zu glauben,
      aber wahr. Schnell waren wir uns einig, den Abflug auf 16.00 Uhr zu
      verlegen. Er war offensichtlich glücklich, da er in Constanza eine
      novia habe.



      So
      hatten wir dann noch Zeit, einen Musiknachmittag zu veranstalten. Der
      alcalde kam mit seiner Familie, Verwandten und Bekannten. Es wurde
      ein voller Erfolg. Insbesondere die Toselli – Serenade kam
      besonders gut an.


      Pünktlich,
      wie verabredet, standen wir um 16.00 Uhr an dem kleinen,
      unverschlossenen und völlig alleingelassenen Flugzeug. Weit und
      breit kein Pilot zu sehen. Nach einer ganzen Weile erschien er dann
      doch – aber in einer offensichtlich sehr heiteren Stimmung mit
      einer entsprechenden Fahne! Was nun? Schließlich mussten wir
      heimfliegen. Sei's drum. Wir verstauten mit viel Mühe unser Gepäck,
      um auch noch, wenn auch mit angewinkelten Beinen, hereinzupassen.
      Ludwig genoss die beste Aussicht neben dem Piloten, trug aber auch
      die größte Verantwortung, um ihn wach zu halten. Von den mittleren
      Plätzen konnte man durch die Türfenster und von den hinteren durch
      kleine Rundfenster lugen. Mit sehr gemischten Gefühlen sahen wir dem
      Kommenden entgegen. Zumindest funktionierte schon mal die Technik,
      und der Motor sprang willig an. Ob er wohl nicht überladen ist? Auch
      der Start gelang und – heruntergekommen sind sie alle! Wir auch,
      noch ehe es in Santo Domingo dunkel wurde.

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